Bereits vor etwa einem Jahr machte Autor Frank Behrendt mit seinen 10 Thesen von sich reden – und wie! Mächtig gewaltig war das Medienecho zu seinem Aufruf zu mehr Gelassenheit im Berufsalltag. Er hatte einen echten Nerv getroffen. Grund genug für ihn, das Thema zu vertiefen und ein ganzes Buch daraus zu machen.

Ich kenne Behrendts Thesen selbst noch nicht, kann mich also unvoreingenommen der Sache annehmen – allein der Titel „Liebe dein LEBEN und NICHT deinen Job“ spricht mir aus der Seele. Die Aufmachung als Listical ist ja seit geraumer Zeit ein salonfähiges Redaktionsformat (fast erwarte ich: „Bei Ratschlag 5 musste ich weinen“), gibt Struktur und bietet leicht verdauliche Wissens-Häppchen. Gefällt mir. Überhaupt liest sich das ganze Buch sehr flüssig und macht dennoch an vielen wichtigen Stellen seinen Punkt.

In deinem Job bist du immer austauschbar. In deinem Leben nicht.

Die Welt dreht sich weiter. (…) Die meisten Fehler lassen sich ja mit einer Schippe mehr Arbeit wieder gut machen. Notfalls muss man etwas Geld in die Hand nehmen.

Behrendt packt viele „heiße Eisen“ an, die gerade Agenturleuten nur zu bekannt sind: E-Mails lesen im Urlaub trage zur Entspannung bei, Überstunden seien oftmals selbst verschuldet, Cc-Setzen werde überschätzt. Und vor allem: Ohne uns alle (also wenn man nicht gerade am offenen Herzen operiert), gehe die Welt nicht unter. Sympathisch, sehr sympathisch. Hinter den plakativen Kapitel-Teasern verbergen sich differenzierte Gedanken. Zu Beginn vieler Abschnitte protestiere ich innerlich fast reflexartig: „Schön und gut, aber…“ Doch steige ich in die Texte ein, vergeht mir das und ich ertappe mich beim unbewussten Nicken.

Der Tenor des Buches ist ermutigend, pragmatisch, aufzeigend: „Mach es einfach“, steht zwischen den Zeilen. Nicht Jammern, sondern Anpacken. Denn für Leichtigkeit braucht man Disziplin. Und für Freizeit braucht man Struktur. Klingt komisch, ist aber so. Viele seiner Tipps verlangen im Kern von mir, mir meine Eigenheiten, Einstellungen, Gewohnheiten bewusst zu machen, sie zu hinterfragen und mich dann dafür oder dagegen zu entscheiden. Distanz zu meiner aktuellen vielleicht besonders hektischen und stressigen Situation zu finden und aus einem Perspektivenwechsel neue Kraft zu tanken, darin liegt der Schlüssel. Und dabei das große Ganze nie zu vergessen: sich selbst als liebenden und geliebten Menschen in seinem sozialen Netz und ganz eigenem Leben wahrnehmen. Hier und da wird es mir dann fast etwas zu blumig, aber das lässt sich leicht verschmerzen.

Kaum überzeugt haben mich die Kapitel 5 und 6. Ersteres beschreibt, wie das Vergegenwärtigen schöner (Kindheits-)Erinnerungen den kopflosen Alltags-Gestressten „erdet“ und mit neuer Kraft erfüllt. Letzteres warnt – für meinen Geschmack etwas zu ausschweifend – vor Menschen im direkten Umfeld, die mehr Energie rauben, als sie geben. Miesepriemeln heißen diese bei Behrendt.

Überhaupt gibt Behrendt viel von sich Preis in diesem Buch. Er berichtet viel aus seiner Kindheit und Jugend, von seiner eigenen Familie, mal heiter, mal melancholisch, mal trotzig. Einerseits führt dies dazu, dass das Geschriebene authentisch und damit umso glaubwürdiger wirkt. Andererseits fällt es nicht immer leicht, dem Autor von einer sehr persönlichen Lebenslektion auf die Metaebene der daraus gezogenen Lehre zu folgen.

Ob und wie die Leser diese 10 Ratschläge beherzigen und für sich umsetzen können, hängt meiner Meinung nach auch von deren individueller Situation ab. Wer frisch im Berufsleben durchstartet – Generation Y hin oder her – wird nicht alles verstehen oder nachvollziehen, was der Autor hier als Quintessenz seiner eigenen eindrucksvollen Karriere extrahiert hat. Ein gestandener Manager erkennt sich vielleicht in vielem wieder und justiert mithilfe der Denkanstöße seinen Alltag neu. In jedem Fall reizt das Buch dazu, sich darüber auszutauschen – ganz gelassen, versteht sich.

Titel: Liebe Dein Leben und nicht Deinen Job.: 10 Ratschläge für eine entspannte Haltung; gebundene Ausgabe; Autor: Frank Behrendt; Verlag: Gütersloher Verlagshaus; 224 S.; ISBN: 978-3-579-08646-0; 17,99 Euro

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Lesetipp: Das PR Journal hat nicht nur diese Rezension, sondern auch ein interessantes Interview mit dem Buchautoren veröffentlicht.